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Bioinformatik: Editorial in Nature Biotechnology
Kreativ ist man am besten zu zweit

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Prof. Dr. Itai Yanai von der New York University (l.) und Prof. Dr. Martin Lercher von der HHU hier gemeinsam in Heidelberg. (Foto: privat)

Yanai und Lercher befassen sich seit Jahren mit der kreativen Seite des wissenschaftlichen Fortschritts. Sie greifen dabei auf das vom Nobelpreisträger François Jacob geprägte Konzept von „Day Science“ und „Night Science“ zurück: „Day Science“ meint die moderne Naturwissenschaft als systematischen, durchgeplanten, von vorab aufgestellten Hypothesen geleiteten Prozess. „Night Science“ ist dagegen der unsystematische, kreative Teil der Wissenschaft: freies Nachdenken, das oft intuitive Spiel mit Ideen. Vor allem durch diesen kreativen Prozess entstehen qualitativ neue Fortschritte in der Wissenschaft.

Der Rat, den die Autoren zu Beginn ihres neuen Textes „It takes two to think" Forschenden geben, denen es um neue Erkenntnisse geht: „Reden Sie mit anderen. Indem wir sprechen, sammeln wir nicht nur Informationen oder Ideen, sondern wir können auch neue Gedanken improvisieren, die uns allein nicht zugänglich sind.“

Sprache bringt Struktur ins Denken, sie zwingt dazu, die vernetzte Gedankenwelt in einen linearen, logisch strukturierten Strom von Worten zu fassen. Vor allem gesprochene Sprache ist hier wichtig, der Austausch mit anderen Menschen, die Feedback geben und so die Gedanken weiter ordnen.

Doch auf die Zahl der Gesprächspartner kommt es an. Die Dynamik großer Gruppen, so Lercher und Yanai, stört eher den kreativen Prozess: Hier herrschen andere Gesetze, die stärksten, aber nicht unbedingt die klügsten Stimmen dominieren große Brainstormings. Und: Die Gruppenmitglieder ordnen sich oft einem Gruppenkonsens unter und stellen ihre eigenen Gedanken hintan.

Die ideale Diskussionsrunde ist gleichzeitig die kleinste Gruppe: genau zwei Menschen. Zu zweit muss man sich nicht gegenseitig beeindrucken, spielen soziale Dynamiken keine Rolle. Die Gesprächspartner müssen stets fokussiert bleiben, können sich nicht gedanklich zurücklehnen. Sie sind ständig gefordert, Schritt für Schritt die Diskussion voranzubringen.

Man muss nicht zwingend immer den gleichen Gesprächspartner haben. Aber es kann doch helfen. Yanai und Lercher schreiben: „Es kann sehr hilfreich sein, eine Beziehung zu einem ‚wissenschaftlichen Kumpel‘ aufzubauen, zu jemandem, mit dem wir uns wohlfühlen und mit dem wir mühelos kommunizieren können. Zu einem Menschen, der uns helfen kann, Hürden zu überwinden, wenn wir nicht weiterkommen.“

Eine Lehre können nach Kreativität strebende Wissenschaftler aus dem Improvisationstheater ziehen: Sie müssen dem Impuls widerstehen, genussvoll nach den Schwachstellen einer Argumentation zu suchen, zu kritisieren statt konstruktiv zu sein. Eine solche Arbeitsweise bedarf Ermutigung, ein „Ja, und außerdem …“ und nicht ein „Nein, aber …“.

Die Autoren vermuten hierhinter einen tieferen evolutionären Grund. Menschen sind soziale Wesen, die während ihrer Entwicklung gelernt haben, sich gemeinsam Herausforderungen zu stellen. Im Sinne der Wissenschaft bedeutet dies, das zu ergründen, was noch unbekannt ist. Dies sollte auch eine Lehre für wissenschaftliche Mentoren sein: „Wir sollten nicht versuchen, das Denken unser Schüler zu formen, sondern vielmehr die Gelegenheit nutzen, gemeinsam gedanklich zu improvisieren.“ Beide werden davon profitieren.

Originalpublikation

Itai Yanai, Martin Lercher; It takes two to think; Nature Biotechnology (2024).

DOI: 10.1038/s41587-023-02074-2

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Kategorie/n: Schlagzeilen, Pressemeldungen, Math.-Nat.-Fak.-Aktuell, Forschung News
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