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Virologie und Wirtschaft: Gespräch über Corona-Schutzmaßnahmen
HHU-Expertise im NRW-Landtag

Geografisch sind die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der NRW-Landtag nah beieinander, nur rund fünf Kilometer liegen zwischen beiden Institutionen. Damit die Nähe genutzt und der inhaltliche Austausch zwischen Politik und Wissenschaft in der Landeshauptstadt lebendig bleibt, finden in unregelmäßigen Abständen Gespräche auf Arbeitsebene statt. So ließen sich die Abgeordneten am Abend des 30. September 2020 über die Forschung zum Coronavirus an der HHU auf aktuellen Stand bringen. Sie tauschten sich dabei nicht nur zu medizinischen Themen aus.

HHU-Expertengespräch im Landtag NRW mit Moderation von Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck: Virologe Prof. Dr. Jörg Timm und Ökonom Prof. Dr. Haucap diskutierten über die wirtschaftlichen und medizinischen Folgen und Notwendigkeiten in der Pandemie. (Foto: Florian Winter-Kaiser / HHU)

Zu Kurzvorträgen und einer anschließenden Gesprächsrunde eingeladen wurden mit Prof. Dr. med. Jörg Timm und Prof. Dr. Justus Haucap zwei bekannte Wissenschaftler der HHU. Ersterer ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, letzterer als Wirtschafts- und Wettbewerbsforscher Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE). Die sich den 10-minütigen Keynotes anschließende Fragerunde wurde von HHU-Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck moderiert. Eröffnet wurde der Informationsabend von Parlamentspräsident André Kuper.

Prof. Jörg Timm stellte verschiedene Aspekte der virologischen Forschung vor, sprach unter anderem die neusten Erkenntnisse zum Schutz vor einer (erneuten) Infektion mit SARS-CoV-2 an: „Es gibt mittlerweile eine hohe Evidenz für Immunität nach einer ausgestandenen Erkrankung. Selbst, wenn eine erneute Infektion auftreten würde, wäre die Wahrscheinlichkeit eines dann besonders milden Verlaufs sehr hoch. Ich bin zudem davon überzeugt, dass die derzeit laufenden Studien dazu führen, dass schon bald ein verlässlicher und verträglicher Impfstoff zur Verfügung steht. Eine Impfpflicht lehne ich ab.“

Die vermeintliche Diskrepanz zwischen steigenden Infektionsfällen und gleichbleibender COVID-19-Todesrate war ebenso Thema wie ein Ländervergleich, der die hohen Übersterblichkeitswerte etwa in Spanien mit einem nur geringen Anstieg in Deutschland veranschaulichte. In der Folge stellt Prof. Timm der deutschen Reaktion auf das Virus – trotz der zum Teil lauten Kritik – eine tendenziell gute Note aus.

Prof. Justus Haucap erläuterte seine Sicht insbesondere auf die Folgen der „Anti-Corona-Maßnahmen“ für die Wirtschaft in NRW. „Wir stehen hier nicht so schlecht da“, erklärte er, „weil etwa die europaweit stark unter Druck gesetzte Tourismusbranche in unserem Ballungsraum eine weniger bedeutende Rolle spielt. Auch sind einige Industriezweige, die besonders leiden, wie beispielsweise die Automobilindustrie, in NRW nicht so dominant wie in einigen anderen Bundesländern.“

Die gesamtdeutsche Situation malt Prof. Haucap ebenfalls nicht schwarz. Der Geschäftsklimaindex etwa stieg zuletzt auf annähernd Vorjahresniveau; die Arbeitslosenzahlen in Deutschland werden trotz eines deutlichen Anstiegs aller Voraussicht nach auch in den kommenden zwei Jahren unter 3 Millionen verbleiben. Der Preis: Die Staatsverschuldung wird kräftig steigen.

Im anschließenden „Q & A“, geleitet von Rektorin Prof. Anja Steinbeck, ging es um den Blick zurück nach vorn, etwa bei der Frage an den Virologen, welche Fehleinschätzungen es zu Anfang der Pandemie gab. „Die Mund-Nasen-Bedeckung hätte frühzeitig empfohlen werden können“, erklärte der Mediziner, „aber ich gebe zu bedenken, dass in erster Linie die Versorgung in der Medizin gewährleistet sein musste.“

Was hätte in der Wirtschaft besser gemacht werden können? Volkswirt Haucap: „Hinterher ist man immer schlauer. Ich glaube, dass die Schulschließungen zu sehr nach reiner Risikobetrachtung entschieden worden sind, die Kollateralschäden an Kindern und Eltern wurden zu wenig betrachtet. Ich bin froh über die klare gestrige Aussage der Kanzlerin, dass Schulschließungen zu vermeiden sind.“

Organisiert wurde das Arbeitstreffen vom Team um den HHU-Politologen und Prorektor für Internationales und Wissenschaftskommunikation, Prof. Dr. Stefan Marschall.

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Kategorie/n: Schlagzeilen, Pressemeldungen, Corona-Expertisen
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