In vielen Märkten spielen die Erwartungen von Käufern eine zentrale Rolle. Traditionell wird in der Ökonomie davon ausgegangen, dass solche Erwartungen unverzerrt gebildet werden. In der Praxis gibt es jedoch viele Beispiele, die belegen, dass Käufer systematisch falsch liegen, insbesondere in digitalen Märkten. Im Rahmen ihrer Promotion untersucht Jana Gieselmann, wie Unternehmen diese Fehleinschätzungen strategisch ausnutzen, um Gewinne zu steigern. Darüber hinaus analysiert sie, welche weitergehenden Implikationen sich daraus für das Funktionieren und die Regulierung solcher Märkte ergeben.
Die einzelnen Kapitel der Dissertation modellieren Kernelemente aktueller Wettbewerbs- oder Verbraucherschutzverfahren, die neue ökonomische Forschungsfragen aufwerfen. So geht es zum einen um Verbraucherschutzverfahren, die gegen Dating- oder Kryptowährungsplattformen geführt werden, welche gezielt Konsumenten täuschen. Zum anderen geht es um Kartellverfahren gegen kollusiv agierende Hersteller in traditionellen Einzelhandelsmärkten, in denen die Händler nicht ahnen, dass Hersteller ein illegales Kartell gebildet haben.
Die Ergebnisse:
Die Forschung von Jana Gieselmann zeigt, dass digitale Plattformen oft auf Praktiken zurückgreifen, die für Nutzer nicht transparent sind. So beschäftigen etwa Dating- und Kryptowährungsplattformen häufig Mitarbeiter, die sich als „reale“ Nutzer ausgeben. Diese sogenannten Fake-Profile führen dazu, dass Nutzer, die sich dieser Praxis nicht bewusst sind, die Attraktivität der Plattform überschätzen und den Service überbewerten. Die Plattform kann im Gegenzug ihre Gebühren erhöhen, sodass Fake-Profile ein profitables Geschäft sind. Die Analyse zeigt, dass eine strengere Regulierung von Fake-Profilen wünschenswert ist.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf werbefinanzierten Matching-Plattformen. Diese Plattformen haben Zugang zu immer besseren Nutzerdaten und haben so das Potential den Nutzern zu erfolgreichen Matches zu verhelfen. Dies ist jedoch nicht im Interesse der Plattformen, die profitieren, wenn Nutzer möglich lange auf der Plattform bleiben. Jana Gieselmann modelliert dieses Spannungsfeld spieltheoretisch und analysiert die Implikationen für die Matching-Algorithmen der Plattformen.
Darüber hinaus belegt ihre Forschung, dass Informationsprobleme auch in klassischen industrieökonomischen Kontexten eine zentrale Rolle spielen. Auf Großhandelsmärkten können Missverständnisse von Marktteilnehmern die Stabilität von Kartellen entscheidend beeinflussen. Viele problematische Marktresultate lassen sich dort mit herkömmlichen Wettbewerbsmodellen nicht erklären, da klassische Lösungsansätze der Spieltheorie lediglich korrekte Erwartungen abbilden können.
Doktorvater Prof. Dr. Paul Heidhues, Inhaber der Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Verhaltens- und Wettbewerbsökonomie am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE), in seiner Laudatio: „Diese Dissertation enthält drei äußerst originelle Kapitel, die relevante wirtschaftliche Phänomene durch die Entwicklung völlig neuer spieltheoretischer Ansätze und Lösungskonzepte modellieren.“
„Die Arbeit zeigt, wie Unternehmen in digitalen Märkten falsche Nutzererwartungen gezielt ausnutzen. Außerdem liefert sie sofort umsetzbare Ansätze, die sowohl zur Fairness von Geschäftsmodellen als auch zur Wirksamkeit der Regulierung beitragen“, sagte Stifter Prof. Dr. Svend Reuse bei der Preisverleihung.
Jana Gieselmann ist Ökonomin und forscht zu mikroökonomischer Theorie, Verhaltensökonomik und Industrieökonomik. Nach dem Bachelorstudium der Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf absolvierte sie dort 2020 das Masterstudium, welches sie durch ein Auslandssemester an der Waseda University in Tokio ergänzte. Anschließend absolvierte sie ein Promotionsstudium in Volkswirtschaftslehre, welches sie 2025 unter der Betreuung von Prof. Paul Heidhues, Professor für Verhaltens- und Wettbewerbsökonomie am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE), abschloss. Während ihrer Promotion hat Jana Gieselmann neun Monate an der Yale Universität unter der Betreuung von Prof. Philipp Strack geforscht. Seit August 2025 ist sie nun als Lecturer (Assistant Professor mit Tenure-Track) an der University of Edinburgh tätig.